alexandra palace, haringey, london

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Angel Eyes Revisited

 

Prolog

 

Kindheit

 

 

Auf  bunten Wegen will ich gehen

Die Schlösser hinter mir und Felderglühen

Im Mai und seinen leichten Blütenseen

Ich lass durchs Haar der Sonne Winde wehen

 

Die Feste der Seele, der Geduld, der Vernunft

Musik träufelt im Licht von Lindenzweigen

Ein Clown und sein Mädchen, rotes Schweigen

In meinem Herzen Zigeunersätze treiben

 

Ein seidener Klang, eine Nacht, ein Gebet

Wohin der Trauben reine Säfte fließen

Da sitzen Gott und eine Bettlerin auf Stufen

Der Erinnerung an erste Liebe in den Sommerwiesen

 

 

1

 

 

 

Kurz nachdem er in seiner neuen Wohnung eingezogen war, fiel sie ihm das erste Mal auf.

Ihr engelsgleiches Gesicht mit den großen blauen Augen und dem rotbraunen,

kastanienfarbenen Haar, das in der Abendsonne leuchtete wie Feuer, kam ihm entgegen

wie eine Erscheinung, älter als das Fundament der Welt. Er wusste im ersten Augenblick

nicht, wie er sie betrachten sollte. In ihrem Blick lag etwas Trotziges, leicht Ironisches auch

und gleichzeitig etwas Verbissenes und doch ging er in ganz weite Ferne an ihm vorbei in ein Land,

wo sie wohl 1001 Träume träumte. Still vor sich hin träumte.

Er wagte es nicht, sie anzusprechen – oder sagte er nicht sogar einmal „Hallo“ zu ihr, bei der nächsten Begegnung? Es ist einige Zeit her jetzt und er kann sich nicht genau erinnern, jedenfalls nicht hundertprozentig, aber er wusste, dass sie mit Sicherheit nicht viel darauf erwiderte. Er musste innerlich lachen, denn mit soviel Bockigkeit hatte er nicht gerechnet. Ihr

Wesen hatte mit ihrem absolut mädchenhaften Aussehen offensichtlich nicht das Geringste zu tun. Vielleicht täuschte er sich auch, aber damals kam es ihm so vor.

Ihm fiel noch auf, dass sie wohl ein Musikinstrument spielte, denn jedes Mal, wenn sie ihm rein zufällig in diesen Spätherbsttagen im Oktober und November 2001 in der ruhigen Nebenstrasse, in der kein Autodurchgangsverkehr zugelassen war, mit dem Rad entgegen kam, hatte sie eine riesige Instrumententasche auf ihrem Rücken, die aber nur deshalb so riesig wirkte, weil sie ziemlich klein und zart gewachsen war. Damals war sie wohl ungefähr 15 oder 16, er hätte sie auch viel jünger eingeschätzt. Sie war ganz sie selbst.

Sie wirkte wie ein neuer Morgen auf ihn, ein Morgen, an dem man alle bisherigen Sorgen im Leben im Licht der aufgehenden Sonne unter einem wolkenlosen Himmel vergessen konnte.

Nachdem sie ihm offensichtlich einen Korb gegeben hatte und auf sein freundlich gemeintes und eher neutrales „Hallo“ ziemlich wenig reagiert hatte, begann er sie äußerst interessant zu finden. Nur: sie begegnete ihm in der darauffolgenden Zeit nicht mehr.

 

Der Winter 2001 ging mit den immer wiederkehrenden Bildern im Fernseher von den beiden

Flugzeugen, die in das World Trade Center rasten, vorüber und die Welt sollte sich ändern in den kommenden Jahren. Nicht gerade zum Besseren.

Er weiß bis heute nicht, ob er es sich nachträglich einbildet, aber lag in ihrem Blick damals bei ihrer ersten Begegnung, den sie ganz weit nach vorne richtete, ganz so, als sei dort oben am Ende der ansteigenden Straße eine Feenwelt, in die sie, wenn sie an ihm vorüber geradelt war, mit Sicherheit eintauchen würde, nicht auch eine unendliche Traurigkeit?

Eine Traurigkeit, die er in den nachfolgenden Jahren noch des öfteren bei Jugendlichen entdecken sollte, die in einer Zeit aufwuchsen, in der Kriege, Arbeitslosigkeit und ein immer absurder werdendes Politiktheater an der Tagesordnung waren und als ganz normal verkauft wurden.

 

Dann aber tauchte sie wieder auf wie aus dem Nichts und haute ihn um. Ihre Instrumententasche und ihr Aussehen zusammen genommen waren nicht von dieser Welt. Sie wirkte irgendwie aus der Zeit herausgefallen, ganz so, als wäre vielleicht schon früher etwas in ihrem Leben passiert, worüber sie die ganze Zeit ganz stark und intensiv nachdachte.

 

Er wusste es nicht. Sie gewährte ihm keinen Einblick in ihre Welt und er musste damit klarkommen, so sehr er es sich auch gewünscht hätte. Sie war damals noch ein richtiges Kind, nicht wirklich ein Teenie, und er konnte nur ahnen, was in ihr vorging.

Ihre offensichtlichen Pubertätsgefühle erinnerten ihn rein intuitiv an die Zeit, in der er 14, 15, 16 oder 17 war, völlig verunsichert von dem, was im eigenen Körper ablief, mit etlichen Stimmungstiefs und leichten Depressionen, aus denen er jeweils nach quälend langen Wintermonaten wieder auf dem Fußballplatz bei seinen Freunden oder später in den Kneipen und Discos herausfinden sollte.

 

Er merkte irgendwann, dass er keinen einzigen richtigen guten Freund hatte, einen, dem man alles sagen konnte, und diese Erkenntnis machte ihm schwer zu schaffen damals. Mit Mädchen wollte er sowieso nicht allzu viel zu tun haben in dieser Zeit – die er von der Schule her kannte, fand er alle zu spießig und wohlerzogen, als dass sie ihn wirklich interessiert hätten. Das war er suchte, war nicht im Angebot. In der Vereinsfußballmannschaft ging es anders zu, da wurden die Pornohefte nach dem Training in der Kabine herumgereicht und jeder guckte hin und lachte blöd.

 

Als er sie das erste Mal sah, musste er unwillkürlich an diese Zeit in seinem Leben denken,

obwohl es 20 Jahre zurücklag….

 

In den letzten Novembertagen 2001 hörte er viel Musik und schrieb am Computer kurze Texte, die nicht zueinander passten und fragmentarisch blieben. Drei, vier längere Texte entstanden, die waren richtig gut und vor allem witzig. Sie blieben in der Schublade liegen, wie so vieles. Seinen Job als Popmusik-Kolumnenschreiber hatte er verloren; es hieß, sie hätten kein Geld. 2 Jahre lang hatte er dort sein ganzes Herzblut in die monatlich erscheinende Musikkolumne „Written In My Soul“ investiert und darüber hinaus etliche aktuelle CD- und Konzertkritiken verfasst. Er war mit seiner Arbeit im Großen und Ganzen zufrieden und war auch der Meinung, dass er gute Arbeit ablieferte; er bekam deutschlandweit entsprechendes Feedback, aber offensichtlich interessierte das seinen Arbeitgeber relativ wenig.

 

Ihr rotbraunes Haar und ihre blauen Augen passten auf den ersten Blick überhaupt nicht zusammen, fast wirkte es kitschig, zuviel des Guten. Sie hätte auch die schon lang gegangene irische Schönheit von der Portobello Road in London sein können, die keine englische Rose war, aber der blinde schwarze Sänger wusste das, weil er genug gesehen hatte und er schenkte ihr ein altes irisches Lied.

Er schenkte ihr ein Lächeln und er fragte sich auch, ob das alles Wirklichkeit war, was er da sah und vergaß sie.

Die Bockigkeit in ihrem Blick war ihm damals nach World Trade Center und einsetzender Weihnachtsmarktdauerberieselung entschieden zuviel.

 

Er sollte sie wiedersehen. Ein halbes oder ganzes Jahr später begegnete sie ihm in der Stadtbibliothek. Sie saß vor dem Computer. Offensichtlich arbeitete sie mit ihren Schuldfreundinnen an einem gemeinsamen Referat. Sie recherchierten im Internet. Als eine Mitschülerin von ihr laut über das Nichtgelingen des Referats oder irgendwelche Probleme mit dem PC-Programm nachdachte, sagte sie ganz nebenbei und aufreizend lässig, mit einem unterdrückten Lachen in der Stimme: „Nee…..“ Es wirkte definitiv. Er saß zwei Tische daneben und war erstaunt über den Klang in ihrer Stimme und die Entschiedenheit, die darin lag. Oder war es nur gespielt? Es kam ihm vor, als sei sie zum Lügen nicht geboren worden. Sie sprach wie die Stille. Die Ruhe, die in ihrem Wesen war, brachte ihn zum Schmunzeln. Wann hatte er damals das letzte Mal einen Menschen so ruhig und gelassen ein „Nein“ aussprechen hören? Was brachte sie dazu, sich so souverän und anscheinend ohne die leisesten Selbstzweifel zu äußern? Was bitte ging in ihm vor, dass ihn dass überhaupt interessierte? Sie war höchstens 16, er 36. Sie sah aus wie 12. Der Babyspeck in ihrem Gesicht veranlasste ihn, von weiteren Überlegungen Abstand zu nehmen und er konzentrierte sich wieder auf die langweilige Musikzeitschrift, die vor ihm auf dem Tisch lag.

 

In der Zeit schrieben sie damals über die Martin Walser-Debatte – ob und wie oft Auschwitz als „moralische Keule“ benutzt werden durfte, die deutsche Schuld am jüdischen Volk für immer und ewig am aufrecht zu halten. Nicht nur, dass die Debatte an sich und Walsers Wortwahl irgendwie daneben war, es war ihm irgendwann gleichgültig.

Im Zimmer seiner Tochter lag unter dem hellen Limmat-Holzboden ein jüdischer Grabstein.

1944/45, als das Material zum Häuserbauen bereits knapp wurde, wurden vom nahen jüdischen Friedhof von ortsansässigen Nazis Grabsteine geraubt und als Hausfundament für neu gebaute Wohnungen für deutsche Kriegsflüchtlinge eingesetzt.

Er hatte sozusagen seine deutsche Geschichte vor Ort, greifbar nah, und sie wird ihm voraussichtlich erhalten bleiben – solang kein irrsinniges Amt mit dem Ansinnen daherkam, den Grabstein wieder auszugraben.

 

Von den ehemals 260 am 14. Juni 1944 durch das Stadtbauamt festgestellten Grabsteinen des Judenfriedhofs waren am 16.6. 1947 200 wieder vorhanden und ausgerichtet, während 60 noch fehlten, davon 34 von Personen, deren Namen nicht bekannt sind. Um den Sachverhalt der Zerstörung, die Schuld der Verantwortlichen und der Beteiligten auch etwaige zivilrechtliche Ansprüche an die Stadt festzustellen, hat der Bürgermeister der Stadt am 9. Mai 1947 ein Gerichtsverfahren zur Ahndung der Straftaten eingeleitet, zumal etwa 26 Grabsteine noch ganz fehlten. Das Augsburger Landgerichtet hat am 4.5.1948 und im Wiederaufnahmeverfahren am 8.2.1949 zu Recht erkannt, dass die 7 Angeklagten aus N. nicht schuldig im Sinne der Anklage sind.

 

 

2

 

 

Er sollte sie für eine lange Zeit aus den Augen verlieren. Komischerweise war es aber so, dass jedes Mal, wenn sie ihm ein oder zwei Jahre später wieder begegnete, alles wie das erste Mal war. Ihre Art zu gehen, ihr intensiver, in sich ruhender, zunehmend neugieriger werdender Blick, gepaart mit ein klein wenig Frechheit, ihre Anmut, wenn sie einen ansah ohne Vorurteile und Leitkultur im Kopf begannen ihn so langsam für sie einzunehmen.

 

 

Er weiß bis heute nicht, ob es sich wirklich so zugetragen hat oder ob er es sich nach dem dritten oder vierten Bier nur einbildete, aber beim Maifest 2005 stand sie ihm einige Biertische weiter gegenüber und sah ihn an. Zuerst minutenlang, dann, wie es ihm schien, eine halbe Ewigkeit. Er saß mit seinen deutschen Freunden zusammen, von denen die Hälfte ukrainischer, italienischer und schwedischer Abstammung war, und sie lachten und tranken, während die Kinder ihre lustigen Maifest-Streiche spielten wie Zahnpasta auf die Türklinken oder Majo auf die Fahrradsättel zu schmieren.

 

Es war ihm egal, was sie taten, wenn sie nur wenigstens halbwegs anständig im späteren Leben sein würden. Das Maifeste war gelassen und schön und gleichzeitig von ziemlich lauter, schlechter, aber wenigstens fetziger Musik umrahmt, und sie stand da und sah ihn an.

Er erzählte Witze und Zoten und kleine dreckige Geschichten aus dem Leben von uns allen, und seine Freunde saßen da und hörten ihm zu und lachten. Es war noch hell und es war warm und die Luft duftete nach Blumen, auf jeden Fall schien auch sie schon etwas betrunken zu sein. Sie sah ihn an mit einer Bierflasche in der Hand und sah ihn an und sah ihn an.

 

Irgendwann begann er die Situation lustig zu finden und fing, in seinen Handbewegungen und Gesten zunehmend theatralischer zu werden – er fand Gefallen an der Möglichkeit, eine kleine Privat-Theateraufführung zu geben. Es war zwar kein Sex, aber mindestens genauso prickelnd. Er überlegte sich immer absurdere Geschichten, die ihn selber zum Lachen brachten und er sah in ihrem Gesicht, wie sie zusehends schmunzeln musste. War sie es überhaupt. Träumte er?

 

Er hatte sie kurz zuvor, am ersten wirklich schönen Märzfrühlingstag nach einem langen, brutalen Winter zusammen mit ihrer Mutter draußen auf den Feldern hinter der Stadt beim Spaziergang getroffen; der warme Wind wehte von der Seite in ihr langes Haar und zerzauste ihre Frisur, aber sie lachte wie die Blumen. Es war hinreißend, sie plötzlich so glücklich zu sehen, und anscheinend hatte sie alles, was sie brauchte.

 

Da fiel ihm ein, er hatte sie schon lange nicht mehr mit ihrer Instrumententasche die Straße herauffahren sehen – wo war der nur geblieben? Hatte sie das Instrument beiseite gelegt und aufgehört zu spielen?

 

 

Er stand von seinem Biertisch auf und ging hinüber zu der Gruppe von Jungs, bei denen sie stand. Es interessierte sich offensichtlich keiner von denen für sie und sie interessierte sich nicht für sie, sie stand völlig gelangweilt herum. Er tat unauffällig und näherte sich dem penetrant riechenden Würstchenstand, von dem die Leute versammelt waren: Sie war es.

 

Sie wirkte zerbrechlicher als alle anderen Menschen, die er bisher in seinem Leben getroffen hatte; er hätte sich nie getraut, sie anzusprechen. Er hatte damals lange, zottelige, wildwachsende Haare, vielleicht muss er auf sie wirkt haben wie ein Pirat oder ein Räuber oder wie „Hagrid“ aus Harry Potter. So ähnlich sah er auch aus und genauso alt und beschissen fühlte er sich auch. Wieso starrte sie so lange zu einem alten, unbrauchbaren Mann herüber? Konnte er ihr ein bisschen Spaß bieten oder amüsierte sie sich nur über ihn? Weil aber seine Sinne noch alle ihre Arbeit taten, vermutete er schwer, dass Letzteres der Fall war.

Ihre Blue-Jeans waren knalleng. Sie sah aus wie aus einem Westernfilm, unnahbar, wesentlich.

 

Er setzte sich wieder zu seinen Freunden und zu seiner Frau und trank noch ein Bier oder zwei. Irgendwann an dem Abend vor dem ersten Mai begann er sich sehr einsam zu fühlen. Er dachte sein ganzes Leben durch, all die Hoffnungen, Träume, die Enttäuschungen, die Liebe, das Glück und den Blues, der einen dann doch immer wieder einholte. Die Hand einer langjährigen Freundin neben ihm begann seine Hand zu streicheln, sie merkte wohl, dass er wenigstens ein paar Streicheleinheiten nötig hatte; er grinste noch ein wenig blöd in die Gegend. Er hätte plötzlich Lust gehabt, mit ihr zu vögeln, weil sie gar nicht mehr aufhörte, ihn zu streicheln, aber dazu war längst zu spät. Sie war wohlanständig verheiratet mit ihrer Sandkastenliebe und war glücklich dabei. Jedenfalls war es das, was sie ihm die ganze Zeit vordeklinierte, obwohl ihm ihre Augen ständig etwas Anderes offenbarten.

Seine kleine Freundin und Zuseherin bei seinem improvisierten absurden Theater von zuvor war irgendwann verschwunden.

 

Er dachte über all die Jahre nach und was sie eigentlich gebracht hatten. Ihm fiel nicht gerade viel Sinnvolles ein, obwohl das natürlich nicht stimmte.

 

Wo schlief sie wohl heute nacht?

Allein, zu zweit; war sie in irgendwen verliebt?

 

 

3

 

 

Die gleiche Frage stellte er sich, als sie ihm ein paar Tage später nach Pfingsten wie der heilige Geist persönlich erschien. Neben seiner alten Wohnung auf der Straße. Sie trug weiße Knöpfe im Ohr, offensichtlich ein MP3-Player. Sie fuhr Rad, kreuzte die Straße und hörte Musik. Sie sah verdammt elegant aus. Er stand da, mit dem Auto, die Ampel auf Rot, die Familie neben ihm im Auto und vollkommen genervt von den ewigen Auseinandersetzungen mit seiner Frau, die in der letzten Zeit überhand genommen hatten. Aus jeder Kleinigkeit wurde inzwischen ein Streit und aus jedem Streit kam keine Klärung mehr wie früher, sondern fast nur noch schlechte Stimmung.

 

Sie sah vollkommen glücklich aus, wie sie da auf dem Rad saß und lachte, während sie Musik hörte. Die Musik muss ihr ziemlich viel gegeben haben, oder kam sie gerade von einem Rendezvous, da ihr der Schalk so ins Gesicht gemalt war? Sie wirkte arrogant, großartig, verletzlich, unberührbar, sentimental, stark und stolz, alles auf einmal, und sie machte ihn glücklich, wenn er sie so sah. Und er wusste nicht ein noch aus in diesem einen Leben seiner neun Leben, und er fragte sich, wie er selber jemals wieder so glücklich werden könnte wie dieses Mädchen in diesem Moment war, als sie an seinem heruntergekurbelten Autofenster wie in Zeitlupe vorüberfuhr.

Er weiß heute nicht mehr, was er damals dachte, aber vielleicht war es das: o je, Scheiße,

schon wieder Streit heute, dabei scheint doch die Sonne, was hörst du denn da für schöne Musik?

 

Er erwies ihr seine ganze Aufmerksamkeit, eine kurze Kopfbewegung, und dann begannen ihre blauen Augen zu leuchten, wie er noch nie zuvor blaue Augen hatte leuchten sehen. Sie strahlte übers ganze Gesicht – vielleicht war sie ja Millionärin geworden an dem Tag oder sie war unendlich verliebt in einen Jungen in ihrer Klasse, man weiß es nicht – auf jeden Fall verstand er ihre Reaktion nicht ganz, weil er zuvor ein Jahr lang gar nichts mehr gefühlt hatte.

Er musste erst wieder lernen, zurück ins Leben zu finden. Gefühle waren für ihn spanische Dörfer. Jetzt war der Moment da, wo die Tür endlich wieder aufging und ein Lichtstrahl hereinkam, so wie an dem Tag, als ihn etliche Monate später in Barcelona auf der Placa Espanya neben der alten Stierkampfarena unter der monumental schönen Kulisse des Palau Nacional der Geruch des Lebens empfing, als hätte er nie zuvor gelebt.

Er reagierte abwartend, es lief alles binnen Zehntelsekunden; er blinzelte und kniff die Augen abwartend zusammen wie bei einem Showdown. Er war ratlos. Sie hatte ihn angelächelt, als

hätte er ihr gerade einen Heiratsantrag gemacht und sie hatte jahrelang genau darauf gewartet.

Das war zuviel.

 

Was hatte sie für Gedanken? Wohin fuhr sie?

Neben ihm saß seine Frau und bekam von all dem garantiert nichts mit, weil sie in ihren Gedanken wie fast immer völlig woanders war als er.

 

 

4

 

 

Bald dachte er darüber nach, dass er seinem Schutzengel Briefe schreiben könnte. Er tat es natürlich nicht. Schutzengel – so nannte er sie von nun ab und zu – haben kein Postfach. Oder sollte man Seelenverwandte sagen, denn da sie ihm danach, nach diesem Blickkontakt an der Ampel, nicht mehr aus dem Kopf ging, muss irgendetwas stattgefunden haben zwischen ihrer Seelenleben, was ihm allerdings wie aus einem anderen Leben vorkam. Diffus und unbestimmt, doch greifbar nah. Er konnte es sich nicht erklären und sie sich wahrscheinlich auch nicht, denn danach wirkte sie nicht nur einmal vollkommen irritiert.

Ihn quälte eine Frage: War er zu weit gegangen? Er hatte ja gar nichts getan, außer ihr mehr oder weniger freundlich zuzunicken und ihr zu signalisieren, dass es ihn freute, dass jemand so derart selbstvergessen in Musik abtauchen konnte. Er wusste nicht, wo sie herkam, wo sie wohnte, wer sie war, er wusste weder ihren Namen noch ihre Adresse oder ihr Alter. Sie wirkte auf ihn immer noch wie 15. Er wurde 40 heuer, das war wohl ein wenig zuviel Altersunterschied für eine funktionierende Beziehung gleich welcher Art. Nicht nur einmal danach konnte er ihrem Blick Angst entnehmen –

Angst, dass er ihr eventuell zu nahe treten könnte. Er merkte es, und sie wirkte auf ihn plötzlich wie ein eingeschüchtertes Reh. Er begann sich schlecht zu fühlen. Er wünschte sich, er wäre ihr auch an diesem strahlend schönen Sommermorgen in der Stadt nicht begegnet, an welchem sie zur Seite sah, als wäre er nicht da. Dabei hatte sie ihn Sekunden vorher noch ganz intensiv angesehen. Ihre von Michelangelo ausgedachte Nase wirkte blasiert, ihr ganzer Gesichtsausdruck war blasiert und leicht verächtlich. So was gefiel ihm außerordentlich.

Er ärgerte sich aber, ihr zugelächelt zu haben – warum nur übersah sie ihn jetzt einfach?

 

Jetzt wurde es zusehends komplizierter.

Er wusste jetzt aber, dass sie in einer Band spielte. Er besuchte eine öffentliche Probevorstellung. Plötzlich stand sie in der Konzerthalle mit ein paar anderen pickligen Jungs auf der Bühne und es verschlug ihm fast den Atem. Eleganter konnte niemand aussehen auf einer Bühne, auch nicht eine Madonna.

Das also war das Instrument, das sie damals, vor Jahren, immer an seiner Wohnung vorbei auf dem Rücken getragen hatte. Eine Bassgitarre. Sie spielt Bassgitarre in einer Band, deren Sound ihn nicht gerade in Ekstase versetzte. Ihr Spiel jedoch hörte man heraus – sie war gut.

 

An dem Tag begegneten sie sich ein paar Mal, und sie sah ihn mit einem derart ausdruckslosen Blick an, dass er es niemals auch nur im Traum gewagt hätte, sie anzusprechen.

Sie wirkte auf ihn jetzt vollkommen weggetreten und seltsam. Danach setzte sie sich mit einer Freundin auf ein paar Treppen, vor denen er gelangweilt herumlungerte und sah ihn wieder an. Aus der Distanz, in Sicherheit. Minutenlang. So ging das hin und her und irgendwann trafen sie sich wieder vor der alten Musikschule. Sie stand hinter ihm und ging danach wieder weg mit ihrer Freundin. Er sah ihr hinterher und begaffte ihren wundervollen Hintern. Sie merkte es und lachte zur Seite hin und schüttelte leicht den Kopf. Es war irre, vollkommen pubertär und sexy. Er wusste nicht, ob er sie überhaupt noch ernst nehmen durfte, sie kam ihm vor wie eine Sphinx mit 1000 Rätseln, die zu lösen er nun wirklich keine Kraft und Lust mehr hatte.

 

Er beschloss, sie zu vergessen.

 

 

5

 

 

 

Dies gelang ihm vorzüglich. Kurz darauf war ein Konzert mit ihrer Band, bei einer offiziellen

Verabschiedung an einer Schule; er ging nur wegen ihr hin. Er wusste ja, dass sie dabei war.

Als er zu spät zu der Veranstaltung aufkreuzte, stand sie gleich hinter der Eingangstür in der Halle und hatte einen verträumten Sommerabendblick im Gesicht. Er ging schnurstracks an ihr und all den anderen herumstehenden Nasen vorbei und grüßte niemanden. Seine Energie, mit der er durch die Halle wirbelte, musste sie etwas verwirrt haben, denn danach kam sie mit leicht geröteten Wangen auf die Bühne. War sie aufgeregt wegen des Auftritts oder hatte sie wieder Angst bekommen? Er war sehr unsicher, so hatte er sie nie zuvor gesehen, beschloss aber, sich nun in Zukunft nicht mehr so irre zu machen. Es kam ihm vor, als saßen sie Stunden in dem Saal, als ein bedeutungsloser Redner nach dem anderen langweiligen, bedeutungslosen Quark erzählte. Er sah und hörte nur sie, ihren Herzschlag. Sie sah ihn die ganze Zeit von der Bühne aus an. Er sah sie an.

So ging das bestimmt eine Viertelstunde lang, während die Band auf der Bühne hinter den Rednern postiert auf ihren Einsatz wartete. Er verliebte sich jetzt völlig in ihre blauen Augen.

 

Danach waren Woche der Leere. Keine Flirts mehr, der große Regen kam. Im August.

Er sah sie nicht wieder, sie war weg, die Sonne war weg – halt, zweimal tauchte sie auf, in seiner Straße, an Tagen, an denen die Sonne schien. Sie lief grazil wie eine Gazelle auf dem warmen Asphalt, sie bewegte sich fast lautlos. Er sah ihr hinterher und war nicht verwundert,

dass es wenige Stunden, nachdem er sie aus seinem Blickfeld verloren hatte, wieder zu regnen anfing. Endlos.

 

 

Als er von der Reise mit seiner Tochter zu einem Freund und dessen Familie nach Barcelona Anfang September wieder zurück war und bald darauf seinen 40. Geburtstag feierte, sah er sie ein, zweimal vor der Schule, im Auto sitzend, sehr, sehr schön und zurückhaltend. Er hätte sie umarmen mögen.

 

Einmal war sie noch vor seinem Haus vorbeigelaufen, abends, er war zurück vom Schwimmen am Weiher und stand braun gebrannt in der Hofeinfahrt und fühlte sich stark und gut wie lange nicht mehr, eine Woche Katalonien im Gesicht, sweet Barcelona on his mind und strahlend blaue Septembertage im Kopf und die rotbraune Katze im Arm. Sie ging an ihm vorbei mit Angst in den Augen, sie konnte nicht hersehen – er konnte nichts tun. Er wäre sich schlecht vorgekommen.

Er tat auch nichts – sie sah nur zur Seite und fasste sich, als sie an ihm vorbeigegangen war, an den Hintern. Was sollte das jetzt wieder, fragte er sich nur verzweifelt?

Er musste lachen – war sie eine Idee schlauer als er oder war sie nur ein wenig sensitiv?

 

 

Einen Tag nach seinem 40. Geburtstag stand sie plötzlich hinter ihm im Drogeriegeschäft.

Er war glücklich an diesem Tag, hatte unbeschwert gefeiert und ihm war nicht nach Altern zumute.

Er stand vor der Kasse und merkte, dass jemand hinter ihn trat, ganz nah an ihn heran. Er konnte ihre Nähe fühlen und drehte sich um. Sie stand da, ohne Angst, vollkommen schön.

Er blickte ihr tief in die Augen, sie sah kurz zurück, dann konnte sie seinem Blick nicht länger standhalten. Es waren winzige Sekundenbruchteile, in denen er ihre ganze Unsicherheit sah, ihre sexuelle Unerfahrenheit, ihr Zögern und Zaudern. Sie schämte sich und blickte zur Seite und wirkte sehr kleinlaut, wo sie ein paar Tage zuvor noch wie eine Bella Donna an ihm vorbeigelaufen war.

Er ließ sie ihn Ruhe. Offensichtlich gab sie sich auch noch große Mühe, all ihre Gefühle vor sich selber zu verstecken – und erst recht vor ihm.

Er bemühte sich ihr zu zeigen, wie sehr er sie mochte, wie sehr sie ihm gefiel, aber auch, dass er sie zu nichts zwingen wollte. Sie schien es zu begreifen und war selber irgendwie verwundert darüber. Er drehte sich um und seufzte. Er wusste langsam auch nicht mehr, was er tun sollte. Sie wirkte auf ihn so verletzlich und scheu und sie war so jung. Er wusste wirklich nicht, was er machen sollte. Wie konnte er es wagen, sich in sie zu verlieben?

 

Die Kassiererin nahm aus Versehen die Dose TicTac, die er vor sich liegen hatte, zu der Ware der alten Dame, die vor ihm stand, und er murmelt etwas von: „Das ist meins. Entschuldigung.“ Die Entschuldigung war für die junge Dame hinter ihm. Er entschuldigte sich bei ihr um drei Ecken, dass er sie zu oft angesehen hatte und vor allem einmal zu intensiv. Er war sich sicher, sie würde es verstehen.

Wortlos ging er von der Kasse weg und hinaus – draußen wusste er erst recht nicht mehr, wie ihm geschah. Er hätte sie ansprechen können, aber langsam hatte er die Nase auch ein wenig voll. Er wurde von einem Moment auf den anderen sehr traurig und hoffnungslos.

Das Ganze war ein einziges Desaster, vollkommen verkrampft. Er ging zu seinem Rad und sie kam hinterher und ging zu ihrem, welches daneben stand, und sie lächelte wie weggetreten und sah zur Seite und fuhr weg.

Er zündete sich eine Zigarette an und blies den Rauch in den erfrischend klaren Septembermorgen.

 

 

 

6

 

 

Sein Schutzengel kam ihm wieder entgegen an einem strahlend bunten Oktobersonntag. Es war ein Bilderbuchoktober, ein Tag schöner als der andere, aber leider nur schwer zu ertragen ohne sie. Er war kurz zuvor eine Woche nach London gereist und war jeden Tag in der Stadt herumgelaufen, in seinem Herzen immer nur sie.

Tausende und Abertausende Schönheiten kamen ihm auf den Straßen entgegen und saßen mit ihm im Bus und in der U-Bahn; black Beauties aus Jamaika umschwirrten ihn in Tottenham und in Brixton; blasse englische Studentinnen lachten ihn an in Highbury und im Crouch End.

Doch in der Portobello Road sah er in jeder portugiesischen Frau, die ihm dort über den Weg lief, nur ihre Gesichtszüge. Es war alles wie ein Traum, der in der Stunde im Alexandra Palace kulminierte, in der die Zeit stehen blieb und in der er ganz allein auf einem Hügel in Nordlondon war, inmitten eines wundersamen Gebäudes mit einer großen Glaskuppel und innen drin jede Menge exotischer Pflanzen. Es roch wie in einem Gewächshaus. Er begab sich in eine stille Ecke und sprach in seinen Gedanken mit ihr. Er hörte auf seine innere Stimme, wie sie von selber zu sprechen begann. Sie war bei ihm, sonst war keiner da. Er fühlte nur Liebe und Dankbarkeit. Die Welt war für ihn total still geworden. Im Jahr 2005. Das hätte er nicht mehr für möglich gehalten.

 

Aus einem Text im Internet: „Ally Pally“ wird er genannt: Alexandra Palace, auf einem Hügel in North London zwischen Muswell Hill und Wood Green. 1873 wurde er gebaut, Entertainment und recreation für die Bevölkerung, das war die Idee. Und die Massen strömten, um sich an dem Park um den Palast, Ausstellungen und allerlei anderer Kurzweil zu erfreuen. Aber sie strömten nicht lange, denn genau sechzehn Tage nach der Eröffnung brannte das Gebäude bis auf die Grundmauern nieder. Zwei Jahre dauerte der Wiederaufbau, und 1875 öffneten sich die Türen wieder. Es gab ein Museum, einen Konzertsaal, Ausstellungen, ein Theater, eine Bücherei, Abendveranstaltungen und für viele Jahrzehnte war der Palast ein großer Erfolg. 1900 wurde der Alexandra Palace and Park Trust gegründet. Ally Pally sollte für immer ein Palast für das Volk bleiben.
1935 leaste die BBC den östlichen Teil des Gebäudes und installierte einen Antennenmast. Wegen der exponierten Lage war der Palast ideal für broadcasting Zwecke. Ein Jahr später: Die erste Fernsehausstrahlung in England: „This is direct television from Alexandra Palace”. Bis in die fünfziger Jahre produzierte die BBC im Palast in zwei Studios. Heute noch gibt es Ausstrahlungen. 1980 war es dann mal wieder soweit. Ein Feuer zerstörte nahezu die Hälfte des Palastes. Diesmal sollte die Restaurierung acht Jahre dauern. Seitdem kriselt es finanziell. Es gibt immer noch regelmäßig Ausstellungen, eine Eisbahn wurde installiert, aber die magische Anziehungskraft der frühen Jahre ist dahin. Die Great Hall gehört zu Londons größten banqueting halls. Bis zu 5.000 Menschen kann man unterbringen. Aber die Konkurrenz unter den London evening venues ist gross, und der Palast liegt eben nicht im Zentrum der Stadt.Wegen der angespannten finanziellen Lage hat sich der Trust entschlossen, mehr als dreißig Firmen anzusprechen, um den Palast langfristig zu vermieten und umzubauen. Viele Projekt werden diskutiert, und allein sechs Investoren haben sich interessiert gezeigt, den Palast in ein casino umzuwandeln. Bis 2006 werden in England die gambling laws erheblich aufgelockert sein, und man erwartet einen Gluecksspiel boom in der Stadt. Soviel zum Thema people’s palace.
Bis es soweit ist und sich der Trust entschieden hat, lohnt sich der Besuch trotzdem. Die Sicht über die Stadt ist spektakulär und gehoert zu den schönsten in London überhaupt, neben Chrystal Palace Park,
Parliament Hill und Black Heath. Wie immer, morgens früh kommen. Dann ist es am schönsten. Mit etwas Glück ist man ganz für sich allein, und London liegt einem zu Füssen.

Es war merkwürdig: als wäre sie mit ihren mystischen blauen Augen direkt hier, vor ihm, an der Busstation in Muswell Hill aus dem alten roten Bus mit ihm ausgestiegen und die paar Meter mit ihm durch den wunderbaren Park gelaufen und als wäre sie schon vor langer, langer Zeit in der Sommerzeit in England geboren worden und er erinnerte sich an den Moment im Drogeriegeschäft, als sie so nah bei ihm war. Die ganze Zeit an jenem Vormittag sprachen sie miteinander. Das wurde ihm erst jetzt bewusst, als er Nordlondon vor sich Richtung City starrte, welche unendlich weit weg schien.

Als er ihr an diesem Oktobersonntag mit dem Rad begegnete, hatte er sie insgeheim schon den ganzen Tag gesucht, in der Hoffnung, er würde sie irgendwo sehen. Sie kam dann tatsächlich noch um die Ecke seiner Straße geradelt, kurz vor Sonnenuntergang, in unendlicher Langsamkeit. Sie musste geweint haben, ihre Augen schienen voller Tränen zu sein.

 

7

 

Gut anderthalb Monate später stand er auf dem Weihnachtsmarkt herum, mit einer Freundin und trank am Samstagmorgen einen Glühwein. Er war großartig gelaunt, aufgekratzt und lustig und mit Absicht ein bisschen verrückt und er spürte es, dass sie ihm an diesem Morgen über den Weg laufen würde. Plötzlich stand sie da, genau in der Sekunde, an der er an sie dachte – ein paar Schritte von ihm entfernt und wagte einen scheuen Blick. Kurz. Sie zog die Augenbrauen und die Schultern hoch, ganz so, als ob sie sagen wollte, dass sie nicht wusste, was sie tun sollte. Sie zeigte ihm, dass ihr kalt war. Danach machte sie wieder zu. Anscheinend hatte sie diese Botschaft an ihn an diesem Wintertag. Verletzlich, großartig, stolz.

Er war auch stolz auf sie. Sie war Afrika und Barcelona und die Akropolis von Athen und London und Paris und all die schönen Momente, die er in seinem Leben zuvor erlebt hatte. Sie war da, bei ihm, die andere Hälfte von ihm, der Frieden, den er jetzt schon so lange vermisste. Sie war in seinen Augen die schönste Frau auf diesem Planeten.

Inzwischen wußte er nicht mehr so recht, was er tun soll und wie es nun weitergehen sollte . Er ging zu seiner Hausärztin und erzählte ihr den ganzen Mist – die Probleme mit seiner Frau, die er nach wie vor wirklich liebte wie niemanden sonst in seinem Leben, den Frust mit den immer weniger werdenden Gemeinsamkeiten und der Frust mit der fehlenden Nähe und der fehlenden Liebe und der fehlenden Zärtlichkeit nach 16 Jahren und er erzählte ihr von seiner „Beziehung“ zu seinem Schutzengel. Zum ersten Mal nach sechs, sieben Monaten erzählte er einem anderen Menschen von seiner heimlichen Liebe und wie sehr er sie liebte und dass er nichts dagegen tun konnte, so sehr er es sich auch gewünscht hätte, um die Sache endlich wieder einfacher zu machen.

Was sollte er auch sonst noch tun?

Als er von Arztpraxis in die Stadt fuhr, war er seltsam erleichtert. Erleichtert,  endlich einen dritten Menschen mit in diese endlose Hängepartie und seine Sehnsucht einbezogen zu haben, die sich nun seit Monaten so hinzog und immer stärker anwuchs.

Er fühlte sich weder besonders stark noch besonders schwach. Er war einfach da. In ein paar Tagen war Weihnachten und bestimmt wird er da seinen Schutzengel nicht treffen, denn der wird wahrscheinlich an die Küste von Barcelona verreist sein. Oder nach Rio. Von wo aus sie sicher wieder zurück kam.

Er wird sie irgendwann wiedersehen und jedes Mal fällt ihm nix ein außer diese Augenblicke der Zärtlichkeit.

Als er in der Stadt war, fuhr sie geradewegs neben ihm mit einer Freundin vor das Drogeriegeschäft mit ihrem Fahrrad. Die Freundin fragte sie, ob sie denn das schon einmal gemacht hätte und sie antwortete: „Nee….“

Freudestrahlend.

Er fuhr weiter, geschlagen, innerlich abwinkend. Gerade eben hatte er sich erleichtert gefühlt, jetzt wurde er schon wieder mit einer neuen Frage konfrontiert, die ihn mehr als brennend interessierte.

Was hatte sie noch nie gemacht?

Er fuhr weiter und wollte es gar nicht mehr wissen und musste dann doch wieder umkehren. Er war doch zu neugierig. Er wollte wissen, was sie noch nie gemacht hatte.

Er könnte sie ja fragen. Doch da stand sie vor dem Eingang, mit einem Kind auf dem Arm, und flüsterte zu dem Kind, das noch nicht sprechen konnte: „Was hast du denn gesehn? Was hast du denn gesehn?“

Es war das erste Mal, dass er sie zwei Sätze nacheinander sprechen hörte. Nicht nur ein Wort, das auch noch „Nee…..“ hieß.

Sie sprach zu dem Kind in einem so zärtlichen Ton, wie er ihn selten bei einer Frau gehört hatte.

Er blickte kurz auf den Kinderwagen, blieb kurz stehen und lächelte sie an.

Sie sah nicht richtig her. Nicht ganz jedenfalls.

 

Er glaubte, sie wusste, sie sah mit dem Kind auf dem Arm aus wie eine Heilige. Sie anzusprechen erschien ihm überflüssig. Er wollte nicht noch mehr durcheinanderbringen.

Außerdem war sie schöner, als es Worte sagen konnten.

 

8 & Epilog

 

Vor lauter Verzweiflung und Unentschlossenheit und Angst, auch nur einen einzigen Fehler zu begehen, den er später würde bereuen müssen und aus Angst vor erneut heraufziehenden Depressionen flüchtete er im neuen Jahr nach Barcelona. Die Unruhe in ihm wuchs von Tag zu Tag. Er fühlte sich zwischen vollkommen glücklich und rastlos und von einem Hunger nach Leben erfüllt, wie er ihn noch nie zuvor gespürt hatte. Die unzähligen Platten- und CD-Läden im arabischen Viertel El Raval waren voller Musik, doch egal welche Lieder er auch hörte, in denen irgendwie von der Beziehung zu weiblichen Wesen zumindest im Ansatz die Rede war – die einzig wirklich gute Musik, die es gibt? -, er sah ständig ihre großen Augen vor sich.

Gleichzeitig zwang er sich, an seine Frau zu denken. Und an seine Tochter. Und er bekam zusehends Bauchschmerzen. In seinem Kopf war Liebe, doch sein Körper schmerzte. Ihn plagten Rückenschmerzen. Er machte sich immer mehr Sorgen. Warum nur war es so kompliziert?

Vielleicht weil er ihr nicht die Worte gesagt hatte, die er hätte sprechen sollen, und er machte sich Vorwürfe deswegen und er hatte Angst vor der Einsamkeit der anderen. Seine Einsamkeit, als er tagsüber durch die frühlingshafte Stadt im Januar strich, machte ihm plötzlich auch etwas aus, obwohl es gut tat, sich einfach treiben zu lassen und allein zu sein. Und er fühlte sich gar nicht mehr frei und durcheinander, als er zum Hafen runterging, nachdem er im El Raval das nette Angebot einer schwarzen Prostituierten ausgeschlagen hatte, ihm seinen Schwanz zu lutschen.

Frei von konfusen Gedanken war er endlich wieder im Herbst in London gewesen, als ihm an einer Ecke an der Tottenham High Road an einem sonnigen Donnerstagvormittag der laute Sound einer Gospelplatte eines CD-Straßenladens so etwas Ähnliches wie ein Wiedererwachen all seiner Gefühle beschert hatte und mit einem Mal alle wirren Gedanken, die ihm eineinhalb Jahre zuvor das Leben mehr oder weniger zur Hölle gemacht hatten, wegblies, als wären sie nie da gewesen. Er musste weinen und lachen zugleich.

In Barcelona im Januar 2006 dachte er mit ständigen Schmerzen daran, dass seine Frau allein war. Was aber hatte sie ihm monatelang davor Anderes signalisiert, was sie am liebsten gewesen wäre? Dass er sich doch auch eine Andere suchen könne, hatte sie ihm gesagt. Dass das wohl am besten sei. Als er sie dann für eine Woche allein ließ, um erst mal Abstand von allem zu gewinnen, passte es ihr genauso wenig.

Mit der völligen Unentschiedenheit in seinem Herzen kam die Ängste aus der Zeit seiner schweren Depression zurück und er wusste nicht mehr, wo er hätte am besten sein sollen, in Spanien, zu Hause in Deutschland, bei ihr, bei seiner Tochter, bei seiner Frau, um genauso unglücklich wie seine Frau zu sein, aber was machte das alles schon noch aus? Die Tatsache, dass er weder mit seiner Frau über das Thema noch mit ihr über seine Liebe zu ihr gesprochen hatte, war bedrückend, aber die Entwicklung des Weltgeschehens ließen ihn seine Probleme eher unbedeutend finden.

Was ist schon die Problematik einer Ehe, die zu scheitern droht und eine unerfüllte, wirre Liebesgeschichte gegen einen Flächenbrand, den eine Handvoll idiotischer und unfähiger Politiker zustande zu bringen scheinen? Wo war die Zukunft von Kindern in einer Welt, die nur noch aus Hass und Lügen und Mord und Betrug und Diebstahl und Andere Auslachen und gegenseitigem Misstrauen zu bestehen schien? Von dem gegenseitigen Respekt und dem gegenseitigen Verständnis füreinander, in denen dann in den gekünstelten Reden, nachdem das Kind schon in den Brunnen gefallen war, die Rede war, konnte ja kaum noch ernsthaft die Rede sein. Wie kann man etwas einfordern, dass man selber zu geben nicht bereit ist? Wie können deutsche Politiker plötzlich von Ausländern in Fragebögen Toleranz gegenüber Homosexuellen einfordern, damit die bösen Ausländer zeigen, wie sehr sie doch ihr gutes Deutschsein demonstrieren mögen, obwohl genau diese Politiker selber jahrzehntelang genau das Gegenteil einer offenen Politik betrieben hatten? Die Liste von solch absurden Gewaltverbrechen am menschlichen Verstand und am christlichen Mitgefühl wäre lang, man kann sie in den jeweiligen Parteiprogrammen besonders der christlich-demokratischen Parteien in Deutschland vor Landtags- oder Bundestagswahlen in all den Jahren seit Gründung der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1949 nachlesen. Jegliche Änderungen diesbezüglich in Zukunft sind scheinheiliges Geschwätz und in Wirklichkeit lediglich ökonomische Anpassung an die irrsinnige Veränderung der ökonomischen Lebensverhältnisse der Menschen auf der ganzen Welt.

Aber Liebe ist das Brot der Armen – und davon schafft eine dummdreiste Clique von gewissenlosen Politik- und Wirtschaftsverbrechern weltweit, denen eine immer größer werdende Zahl von gewissenlosen und dummen, schwanzlutschenden Medienschaffenden eine immer größer werdende Aufmerksamkeit zu Teil werden lässt,  immer mehr, Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr – und wer je davon gegessen hat, weiß, was es heißt, sich in die Augen eines Engels zu vergucken, der von all dem anscheinend nicht die geringste Ahnung hat.

Unschuld und Naivität sind keine Schande, sondern ein großes Geschenk, das aber eines Tages genau wie ein ausrangierter Weihnachtsbaum weggeworfen wird und man kann dann sagen, man steht mit beiden Beinen in einem Leben, das in unseren Breitengraden eine zunehmende Art von völliger Verbiesterung erfährt, die nicht mehr zu ertragen ist.

Die Verrohung deutscher Kulturkreise durch intellektuelle deutsche Sturzbomber wie Dieter Bohlen, Florian Silbereisen und Konsorten ähnlicher debiler Couleur ist schon seit langem nicht mehr zu ertragen, „krass“ und „geil“ und „cool“ der oft einzig übriggebliebene Wortschatz einer sich nicht nur im jugendlichen Alter jede Möglichkeit eines Macht- und Geiz- und Geilvorteils verschaffende herumgeifernden Meute. Wohin mit all dem Frust, den persönlichen Niederlagen und Verwundungen, dem chronischen Pleite- und Verzweifelt-Sein, dem zunehmenden Irrewerden an einer erdrückenden Leblosigkeit eines innerlich vollkommen leeren Wohlstandslandes, das nach außen hin die Welt nicht nur einmal mit Krieg überzogen hat und auch in Zukunft wieder brav mitmischen möchte im weltweiten Konzert der Zerschlagung und Zerstörung von gewachsenen Gemeinschaften und nach innen schon fast immer einen Sündenbock gebraucht hatte, um überhaupt existieren zu können?

Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie vergeben, das ist so sicher wie das Amen in ihren christlichen Kirchen Sonntag für Sonntag, wo sich Prüderie und Korruption die Hand geben und in Sicherheit wiegen können, weil sie ihren Segen von einer klerikalen Klicke empfangen, denen der stets potentiell empfangsbereit sein müssende Messdiener zur Seite steht und denen die kleinen Mädchen artig zuhören – im Glauben, auch einmal so erhaben werden zu dürfen.

Dabei geht es nur darum, diesen Staat und andere weiter existieren zu lassen, so wie sie sind und niemals anders. Und frei nach Rilke: wer jetzt arbeitslos ist, der wird es lange bleiben. Die Abschaffung des Sozialstaates wird noch einige „Reformen“ nach sich ziehen. Damit nichts anders wird in Deutschland. Weil anders nicht geht und gefährlich ist, weil voller Abenteuer und Risiken und möglicher materieller Verluste für einige wenige Großschurken, deren finanzielle Absicherung durch die Enteignung ganzer Bevölkerungsschichten und sozial Benachteiligter eine Sicherheit im Land erzeugen sollte, die es nicht mehr geben wird. Für niemanden. So was schafft nicht mal mehr ein Klima der wohligen Herzenswärme, die sich dann im Musikantenstadel über ein Publikum ergießt, welches schon vor geraumer Zeit verstorben sein muss, sonst würde es sich selber wenigstens nicht ganz so arg vorführen lassen und noch über sich selber lachen können.

Es wird aber keine Sicherheit mehr geben.

Not here and there and evrywhere. It’s war, sugar baby.

Und um mit Leonard Cohen zu fragen: Is this what you wanted?

 

 

 

 

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