lift your skinny fists like antennas to heaven

Written In My Soul

Dezember 2000

GSYBE

 

 

Neues vom Festland

 

 

Johnny Cashs neues Album, das kann man wohl ohne Zweifel sagen, wird eine der besten Platten des Jahres sein, da dieses ja eh schon fast vorüber ist und eigentlich nur noch die Greatest Hits-Alben der Stars für den Weihnachtsbaum plus die eine oder andere Überraschung dazu kommen können, doch fern dieser persönlichen Einschätzung dürfte „Solitary Man“ ohnehin mit einigen Zweifeln aufräumen. Wenn jemand wie Cash in ziemlich angeschlagenem Zustand – sein Gesang auf „Solitary Man“ erinnert manches Mal an die Verletzbarkeit von Townes Van Zandts’ letzten Aufnahmen, ohne jedoch dessen Gebrochenheit zu haben, und so merkt man auch schnell, dass Cash wieder über den Berg zu sein scheint – eine solche Aufnahme hinkriegt, dann frage ich mich, was nur all die gesunden und fitten Vorzeige-Amerikaner in Sachen Country da noch zu sagen haben wollen. Nichts, ich weiß, hatten sie eh fast noch nie, aber es wirkt schon hochgradig peinlich für all die Mainstreamware, wenn man den wahren Stoff neben sie stellt und Cash einfach nur Singen lässt, dann läuten die Glocken des Herrn und Cash bedankt sich artig bei ihm: „The Master of Life’s been good to me. He gives me good health now and helps me to continue doing what I love…New services to render and old wounds to heal. Life and love go on. Let the music play”.

Und so ist das, und dann legt man die CD in den Player und weiß, es ist gut. Verdammt gut, denn Cashs Weltsicht ist keine naive Religiosität, wie man das vielleicht in solche Zeilen wie eben zitiert hineinlesen könnte, sondern Lebenserfahrung, Weisheit – auch das Wort kann man hier wirklich verwenden – und Liebe zum Leben. Ohne die geht nichts, und ohne die wird auch keine gute Platte gemacht, aber was Cash mit der Zusammenstellung dieser Songs auf „Solitary Man“ geschafft hat, geht wirklich mitten ins Herz. Aus allen Liedern spricht soviel Freundschaft, Gemeinschaft und die Fähigkeit, auch über Grenzen zu sehen, wo andere nur abwinken. Der zentrale Song für mich ist „One“, von U2, eine Gruppe, die ich früher mal recht gern gehört hatte, dann irgendwann überhaupt nicht mehr, weil sie halt immer bombastischer und affiger wurden, doch was soll’s? Die CD „Achtung, Baby“, von der der Song ist, hab ich dann wieder mal aus der hintersten Ecke im Regal rausgezogen, ok, einiges ist wie immer halt nicht besonders geglückt, aber man hört diesen Song im Original und so groß ist der Unterschied dann eben doch nicht. Bonos Stimme ist zwar immer so leicht übertrieben und pathetisch, doch der Song ist gut und sogar U2 ist gut und ich frage mich, warum mich Johnny Cash wieder draufbringen musste und ich das alles schon abgeschrieben hatte. Der Song „One“ scheint mir in seinem Kern auf eben genau solche Sachen hinzuweisen, und so wie ihn Cash singt, höre ich auch raus: Hey, all ihr toughen Outlaw-Guys, da gibt’s so Popheinis, die haben einen solch guten Song geschrieben, hört doch mal her! Ach je, U 2, vergiss es, hör ich dann viele sagen, Cash ist gut, U 2 ist scheiße, aber so einfach ist das eben nicht.

 

Und dann geht es weiter und man hört Will Oldham, den ewigen Rätselhaften in seiner eigenen Verwirrnis und sein Lied „I See A Darkness“ wird im Duett mit Cash binnen weniger Sekunden zu einem gleichwertigen Klassiker neben Sachen wie „Lucky Old Sun“, „Mary From The Wild Moor“ oder dem über hundert Jahre alten „Nobody“ eines gewissen Egbert Williams, von dem ich nun wirklich noch nie was gehört habe. Man könnte die Lieder autobiographisch deuten, die Auswahl, auch in Bezug auf die persönlichen Liner Notes, aber ihre Botschaft geht weit darüber hinaus, Cash ist die Stimme, die einem Dinge vermittelt, die man schon immer geahnt, aber so eben noch nicht gehört hat. Die mitwirkenden Musiker von Tom Petty & The Heartbreakers und Sheryl Crow bis zu Merle Haggard und Norman Blake decken ein breites Spektrum ab, und nichts ist beliebig dabei, es sitzt alles wie der beste Anzug oder die Lieblingsjeans. Auf das Etikett kommt es dabei nicht an, denn: „Let The Music Play“. Das muss und kann nun jeder selber tun, man muss halt nur noch „Solitary Man“ käuflich erwerben. Gibt’s auch in Vinyl.

 

Begleitet von einem Haufen überschwänglicher Artikel und Statements ist die dritte Scheibe der Gruppe mit dem seltsamen Namen „Godspeed You Black Emperor“ erschienen. Karl Bruckmaier griff in seiner Popkolumne in der SZ und in zahlreichen Radiosendungen zu Superlativen und verglich die Musik mit den besten Hervorbringungen von Monumentalbrocken wie Velvet Underground, Roxy Music und Grateful Dead – wer’s genau nachlesen will, einfach im Archiv der Süddeutschen Zeitung unter www.sueddeutschezeitung.de bei Suchoptionen die Titelüberschrift „Raus aus dem Start-up-Hamsterrad“ eingeben. Wobei Godspeed You Black Emperor sogar noch besser seien, weil sich bei ihnen all das zu einem Ganzen füge, was jahrelang verstreut und zersplittert herumgelegen sei. Hhm. Nicht unwahr, das, aber wenn man dann eines der uninspiriertesten Stücke von Grateful Dead, nämlich „Terrapin Station“ in einer Sendung spielen muss, um die These eindrucksvoll zu untermauern, dann werde ich doch schnell skeptisch und denke an Kaisers neue Kleider. Artrock ging mir schon immer auf den Keks, sagt dann mein Rock’n’Roll-Frühwarnsystem, auch King Crimsons so eindrucksvolle Intellektualität kann ich oft nur schwer ertragen, doch wer „Lift Your Skinny Fists Like Antennas To Heaven“ hört, hört eben nichts von alldem, er hört: wirklich neue Musik, so banal das klingt.

 

Weitere, andere Gedanken: Was soll das alles sein? Ein Kraftakt? Eine Übung in unerträglicher Leichtigkeit des Seins, ein Mike Oldfield-Gedächtnismarathon? Furchtbar chaotische Skizzen im Booklet zu der Titelabfolge, das hatten wir doch alles schon hundert Mal, und bei Neil Young konnte man’s wenigstens noch einigermaßen lesen, doch die Musik! Schon hammermässig, diese daherbretternden mongolischen Herden, die das Abendland vollends überfallen. Kann ich aber auch nicht jeden Tag auflegen, denn das passt nicht in meine Leitkultur, und Bruckmaiers These von der Rettung der Rockmusik durch „Godspeed You Black Emperor“ ist ja etwas seltsam bei einer eigentlich für Rock sehr untypischen Platte. Meiner Meinung nach muss Rock auch gar nicht gerettet werden, es gibt genügend gute neue und alte interessante Acts und Platten, so auch diese. Eine sehr gute aber, ohne Frage. Und es stimmt auf jeden Fall die Behauptung, dass hier Neuland erschlossen wurde. Fragt sich nur, wer betritt dieses danach?

 

Womit wir beim dritten und letzten Abschnitt wären, dem Bonus-Heimspiel für den Americana-Fan. Ob mit oder ohne Haaranalyse, Johnny Daud darf nie Bundestrainer werden! Wenn das stimmt, was der da auf seinen Platten singt, dann muss unser Land von solch einem Schaden immensen Ausmaßes bewahrt werden, das kann ich Euch gar nicht sagen, wie immens das ist, so immens ist das. Ach Dowd steht ja da, ich lese momentan nur noch Daum, Daud, Daum. Tschuldigung für das Versehen, kommt nicht wieder vor. Also Dowd, Johnny: „Pictures Of Life’s Other Side“ war in meinen Ohren eine der besten Hank Williams-Adaptionen, ohne im Entferntesten nach diesem zu klingen, und mit einem wie Tom Waits konnte er locker mithalten. Jetzt die neue, „Temporary Shelter“. Der Schutz ist nur vorübergehend, das kennen wir. Die Orgel tönt wie in der Kirche des einsamen, irren Nachbarn am Ende des langen Feldes bis hin zum Horizont, und dort taucht auch die Silhouette von Captain Beefheart kurz auf, im Sonnenuntergang. Ein schönes Gebräu, das alles, und um einiges schwermütiger noch als der Vorgänger, aber essentieller Stoff.

Schön, einfach schön ist die Musik von Lou Ford auf „Alan Freed’s Radio“, das Gleiche gilt für Lilium mit „Transmission Of All The Goodbyes“ und Nadine und deren neue, „Lit Up From The Inside“.

 

Erstgenannte Band überzeugt durch sehr ungekünstelte, sehr soulvolle Musik, mit wirklich guten Songs, die sich eindeutig aus dem Durchschnitt vieler vergleichbarer Bands hervorheben, Lieder wie „(Move Up To) The Mountains“, „No Mystery“ oder „A Mile Away“ sowie eigentlich alle anderen auf der Platte: ein wunderbares Werk zum Relaxen, voller positiver Vibes und einem Countryrock, der mich nicht nur einmal an Wilco erinnert. Und Nadines durchaus sonniges Gemüt ist auf CD genauso gut wie live, für alle Neil Young-Fans ein Muss! „Lit Up From The Inside“ kommt mit einem makellosen Sound, rauen Gitarren und einem tollen Gesang von Adam Reichmann, der auch noch pötzlich wie die Reinkarnation von John Lennon aussieht. Na, wenn das nichts wird!

Die Details zur Platte von 16 Horsepowers Bassist findet ihr ja im Katalog und im Labelteil, hier also nur noch mein kleiner Tip dazu. Wer über den instrumentalen Ausbrüchen und Auswüchsen von „Godspeed You Black Emperor“ den Verstand verlieren sollte, der greife hier zum wohl dosierten Gegenmittel, vom Hausarzt auch für die kalten Wintertage wärmstens empfohlen. Man kommt dann schon wieder etwas runter, kein Problem.

 

Rolf Bergdolt